Ölmarktbericht September, 2015

Nun während wir mit großen Schritten ins letzte Quartal des Jahres schreiten, ist es nur fair zu sagen, das bisher Preisunbeständigkeit und Unsicherheit die Worte des Jahres waren. Nach dem massiven Preisverfall im 4. Quartal 2014, haben wir den Großteil dieses Jahres einen chaotischen und meistens richtungslosen Markt gesehen, der jedoch täglich erhebliche Preisunbeständigkeiten gezeigt hat. Solche Preisveränderungen, eine Minute hoch und die nächste wieder runter, sind etwas ganz anderes, als das was wir 2014 erlebt haben. In 2014 hatten wir einen Preiscrash, der sich durch große Preisbewegungen auszeichnete, aber immer in die gleiche Richtung und Entscheidungen zu treffen und zu planen ist  in einem solchen pessimistischen Markt einfacher, da die Marktsignale klar sind. Im Gegensatz dazu macht eine totale Preisunbeständigkeit – große Preisbewegungen, über einen unbestimmten Zeitraum und in beide Richtungen – das Leben für alle, die Käufer und Verkäufer von Öl, ausgesprochen schwierig, denn es gibt einfach keine klaren oder sichtbaren Trends um bei Entscheidungen zu helfen.

Das beiliegende Diagramm veranschaulicht diese Preisunbeständigkeit in 2015. Oberflächlich scheint diese einfache Balkengrafik nichts Besonderes, aber es ist tatsächlich bemerkenswert das 2015 bisher auf Platz 3 für Preisunbeständigkeit in den letzten 10 Jahren  steht – nur überboten von den Jahren 2008 und 2011, in denen die Finanz- bzw. die Eurozonenkrise stattfand. Sich vorzustellen, dass 2015 unbeständiger als z.B. letztes Jahr war (mit all den Preisveränderungen die wir in 2014 erlebt haben) und dass trotzdem der heutige Preis (ca. $ 50,– per Barrel) nicht sehr viel anders ist als der Preis zu Beginn des Jahres, macht nur deutlich was für eine absolute Unbeständigkeit wir in den letzten 9 Monaten erlebt haben.

Es zeigt aber auch, wie unsicher die Perspektiven für  die Ölpreisentwicklung ist und es lohnt sich die Gründe zu betrachten, durch die sich Öl anscheinend an solcher einer Wegscheide befindet. In der roten Ecke haben ein eindrucksvolles Spektrum an Faktoren, die wahrscheinlich die Preise weiter nach unten drücken könnten: Zunächst haben wir Chinas wirtschaftliche Marktabschwächung, die sicherlich einen bedeutsamen Einfluss auf alle Rohstoffpreise (Öl, Kohle, Metalle und Agrarprodukte) in der Welt haben wird. In einfachen Worten, China kauft nicht mehr so viel und produziert sogar noch weniger. In der roten Ecke finden wir aber auch den andauernden Todeskampf zwischen den Frackern und den Scheichs, von denen keiner von beiden bereit ist, die Produktion einzuschränken und beide scheinen eine riesige Bereitschaft zu haben, finanzielle Verluste auszuhalten um ihren Marktanteil zu bewahren. Ihren Teil tragen aber auch die bankrotten Ölstaaten wie Venezuela und Iran bei, die ihrerseits mehr und mehr Öl auf den Markt pumpen (weil sie wenig Wahl haben um ihre Einkommensströme am Laufen halten müssen) und dadurch zum Lieferüberfluss beitragen. Zu guter Letzt haben wir in der roten Ecke noch zwei politische Faktoren, die gewichtig auf den Ölpreisen liegen. Zunächst einmal wer würde sich heute noch trauen, mit Europas politischem, sozialem und humanitärem Kummer, mit gutem Gewissen gegen eine weitere Eurorezession zu wetten? Und noch schwerwiegender als dies ist die fast sichere Erhöhung der US Zinssätze. Diese Erhöhung würde den Dollarwert erheblich stärken und das bedeutet für alle, die ihre lokale Währung in Dollar wechseln müssen um Öl zu kaufen (d.h. der Rest der Welt), dass sie sich sicher weniger leisten können und darum weniger kaufen werden.

Wow – bisher, so pessimistisch! Sicherlich bedeutet alles Oben aufgeführte, dass die Preise nur fallen können. Nun ja, lassen Sie sich bloß noch nicht von diesen  Argumenten  hinreißen, denn in der blauen (optimistischen) Ecke, steht ohne Frage der mächtigste Preisantreiber von allen – die Angst! Sprechen Sie mit irgendjemand auf der Straße und sie werden hören, dass die Preise sicherlich wieder ansteigen werden und dass es nur eine Frage der Zeit ist. Schauen Sie sich die Prognosen für die  Weltbevölkerungsdichte an (von 7 Milliarden auf  10 Milliarden in den nächsten 20 Jahre) und versuchen Sie einmal überzeugend zu argumentieren, dass der Ölverbrauch nicht weiter steigen wird. Sogar die chinesische Wirtschaftsabschwächung hat eine Seite, die darauf hindeutet, dass es keinen Bedarfsabfall gibt. Ja, eine Abschwächung bedeutet langsameres Wachstum, aber es bedeutet nicht gleichzeitig eine Abnahme des Ölverbrauchs. Ein China, das statt einem BIP Wachstum von 10% nur 4% zeigt, verbraucht immer noch mehr Öl als im Vorjahr, oder im Jahr davor, oder davor.

Und sehen wir den Tatsachen ins Auge! Die chinesische Wirtschaft kann sich genauso plötzlich verlangsamen, wie sie sich aber auch durch ein staatlich kontrolliertes System, das einen großen geo-politischen Wert darin sieht, wirtschaftlich vor der sich schnell erholenden USA zu bleiben, wieder nach vorne katapultieren kann.  Wenden wir uns zu guter Letzt zur Lieferseite der Diskussion, und vergessen wir nicht, dass die herkömmliche Ölproduktion jedes Jahr fällt und dass die hohen Liefermengen nur durch unkonventionelle Quellen (z.B. Fracking) entstanden sind. Was passiert, wenn der Fracking Boom zu einem Ende kommt, wie von einigen Kommentatoren vorhergesagt wird, entweder durch verringerte Produktionserträge (durch geologische Begrenzungen) oder durch fehlende Geldmittel (durch niedrige Ölpreise)?

Keiner weiß genau, in welche Richtung sich die Ölpreise entwickeln werden und sollte es jemand tun – oder behauptet es – verhält er sich lieber leise. Es sei denn man ist  natürlich Goldman Sachs –  der schlechteste Ölpreisprophet (Mai 2008: „Ölpreise werden auf $ 200 per Barrel steigen“; Dezember 2008: Preise lagen bei  $ 35,– per Barrel) – der jetzt erklärten das ein Preis von $ 20,– per Barrel möglich ist. Wenn man darüber nachdenkt, ist die Erklärung vielleicht der beste Grund anzunehmen, dass die Preise steigen werden! Aber, Portland hat keinen Grund selbstgefällig zu sein, wenn über Preisvorhersagen gesprochen wird (wie regelmäßige Leser dieser Berichtes wohl erinnern mögen) und alles was wir mit Sicherheit vorhersehen können,  ist mehr Preisunbeständigkeit und Unsicherheit.

Wenn Ihnen so etwas gefällt, werden Sie die Achterbahnfahrt auch künftig genießen können. Anderseits könnten Sie natürlich aber auch zu dem Ergebnis kommen, dass jetzt  ein garantierter Preis besser für ihr Herz sein könnte. Sicherlich, sollte es zu einem Preisverfall kommen, könnten Sie am Ende mehr bezahlen, aber sie werden immer noch viel weniger zahlen, als zu irgendeinem Zeitpunkt während der letzten 5 Jahre.