Ölmarktbericht Juni, 2018

Es ist keine Überraschung, dass frühere Ölmarktberichte sich schon mit der Welt des russischen Öls beschäftigt haben. Schließlich ist Russland einer der 3 Topölfördernationen in der Welt (zusammen mit Saudi-Arabien und den USA) und es spielte auch eine der Hauptrollen beim Aushungern der weltweiten Ölmärkte, indem es bei den letzten OPEC Produktionseinschnitten mitmachte. Diesmal war es Englands Eröffnungsspiel gegen Tunesien in Wolgograd (nicht Stalingrad), dass wieder einmal Russlands intime historische Beziehung zum Öl aufzeigte und deutlich machte, wie es auch weiterhin seine Zukunft formen wird.

Vor dem zweiten Weltkrieg war Stalingrad der Knotenpunkt für die kaukasischen Ölfelder und es war außerdem Russlands Raffineriehauptstützpunkt. Diese Schlüsselfaktoren werden oft übersehen, wenn Stalingrad diskutiert wird – war doch das Ausmaß und die Bedeutung dieser besonderen Schlacht im 2. Weltkrieg so groß. Aber es lohnt sich, sich daran zu erinnern, dass diese Schlacht nur stattfand, weil Hitlers Armeen Stalingrads Öl brauchten, um, im Sinne des Wortes, ihre Existenz in Russland anzuheizen. Gleichermaßen wurde dieser Kampf so erbittert und lange geführt, weil Russland eben dieses Stalingrader Öl für seine eigenen Kriegsbemühungen benötigte. 75 Jahre später ist Wolgograd heute noch immer der Knotenpunkt für eben dieses Öl aus dem Kaukasus (Russland, Armenien, Georgien und Aserbaidschan), aber es beliefert jetzt einen russischen Ölmarkt, der sich seit dem Trauma des zweiten Weltkrieges grundlegend verändert hat.

Während der Nachkriegssowjetära wurde die Ölindustrie streng vom kommunistischen Politbüro kontrolliert. Es wurde auch als politisches und außenpolitisches Werkzeug benutzt, wobei Lizenzen zur Ölförderung als Gunst vergeben wurden und ausländische Staaten entweder mit russischem Öl belohnt oder durch seinen Entzug bestraft wurden. Zwischen 1950 und 1980 erhöhten sich die jährlichen sowjetischen Ölexporte von 60 Millionen Tonnen (1,1 Mill. bpd) auf 185 Millionen Tonnen (3.5 Mill. bpd) und zementierte so den weltweiten sowjetischen Einfluss und formte das Rückgrat für das rigorose Verhalten während des Kalten Krieges. In der industriellen Maschinerie der UDSSR kam nichts der Ölindustrie an Bedeutung und Leistungsvermögen gleich und so wurde die UDSSR schnell eine unumstrittene Ölsupermacht, die Mitte der 80er Jahre 11,5 Mill. bpd produzierte.

Dann kam Perestroika und der Übergang zu einer freien Marktwirtschaft in den 90er Jahren. Verschiedene Ölfirmen entstanden (Lukoil, Rosneft, Gazpromneft, Yukos), fast alle ein Ergebnis dubioser Wirtschaftsauktionen, in denen bisherige Angestellte des Sowjet Ölministeriums (Minnefteprom und assoziierte Ölfirmen) oder des staatlichen Öl- und Gasinstituts (Gubkin) für massiv unterbewertete Anteil der sowjetischen Ölindustrie boten. Diese Angestellten wurden dann natürlich die Öloligarchen, von denen wir heute lesen (Gutseryev, Timchenko, Khordorkovsky, Abromovich, Berezovsky, Alekperov, Mikhelson etc., etc., etc.), und von denen noch immer viele den russischen, aber auch den Weltmarkt dominieren.

Obwohl die Marktbedingungen für die neuen Oligarchen anfangs schwierig waren (Rohöl fiel in der Mitte der 90er Jahre auf $ 7 pro Barrel und die Produktion fiel auf 6m bpd), so erlaubten die niedrigen Preise, die die Oligarchen für Russlands Ölvermögen zahlten, ihnen jedoch einfach abzuwarten und Tee zu trinken bis sich die Situation verbesserte. Und sie verbesserte sich durch einen stetigen Anstieg der Produktion und der Preise. Rohöl in Russland zu produzieren kostet zwischen $20 und $ 40 pro Barrel, was, zu dem aktuellen Preis, den Herstellern eine (ungefähre) Marge von $30 gibt. Multiplizieren wir das mit 10 Mill bpd und dann hätten wir sogar heute noch ein Profit von 300 Mill pro Tag, den sich circa 500 Leuten teilen. Spulen wir jetzt 10 Jahr zurück, als die Produktion bei 12,5 Mill. bpd lag und die Höchstpreise bei $ 148 (zu ungefähr den gleichen Kosten, wenn nicht sogar niedriger). Nun Sie können sich das selber ausrechnen, aber setzten Sie sich bloß vorher hin. Überflüssig zu sagen, dass solch ein Reichtum erklärt, warum die russischen Ölmagnaten regelmäßig gregorianische Villen in London Belgravia für £20 Millionen kaufen.

Es erklärt aber auch, warum Präsident Putin sich seit 2005 auf diesen Markt gekämpft hat und es wird geschätzt, dass jetzt ungefähr 50% der russischen Ölproduktion unter der direkten, manchmal sogar indirekten Kontrolle des Kremls steht. Die Oligarchen, die mitspielten, sind mit zusätzlichen Förderungslizenzen belohnt worden (zum Großteil im unberührten ost-sibirischen Becken), während jene die nicht mitspielten, entweder im Gefängnis (Khordorkovsky) landeten oder ins Exil verbannt wurden.

30% von Russland BIP entfallen heutzutage auf Öl und Gas, sowohl wie 80 % der Exporte und fast das gesamte “harte“ Währungseinkommen (d. h. Dollars). Man sollte also keinen Fehler machen; Russland ist und bleibt in erster Linie eine Ölnation. Sich übermäßig auf eine Industrie zu verlassen, geschieht oft zulasten der wirtschaftlichen Entwicklung anderer Bereiche und hat unter anderem verhindert, dass Russland sein Land im Energiesektor zukunftssicher macht (es ist fair zu sagen, dass Russland sich in einer kohlenstofffreien Welt sehr schwertun würde). Zu guter Letzt könnte man argumentieren, dass es beachtliche internationale und inländische Spannungen verursacht hat, weil ein unvorstellbarer Reichtum in die Hände einer winzigen Clique von Menschen gelegt wurde. Aber Reichtum ermöglicht es auch, die FIFA auf die eigene Seite zu bringen, der Gastgeber von Weltmeisterschaften zu sein und glänzende und hochmoderne Stadien zu bauen. Am 15. Juli werden wir sehen, wie eine goldene Trophäe in der Anerkennung der ultimativen Fußball Leistung hochgehalten wird. Fußball Gold könnte man sagen, aber es wird mit schwarzem Gold geschmiert.