Ölmarktbericht Februar, 2020

Londons IP-Woche findet jeden Februar statt und stellt einen unfehlbar akkuraten Puls der Ölindustrie dar, sowohl durch die Anzahl der Anwesenden als auch durch das Spektrum der besprochenen Themen. Zurück ins Jahr 2013, als Portland diese Veranstaltung zum ersten Mal besuchte, (https://stabilityfromvolatility.co.uk/market-reports/oil-market-report-213/) war sie wohl die Höhepunkt für die globale Ölindustrie, als die Preise sprunghaft auf 100 $ pro Fass stiegen, die Nachfrage boomte, und die neue Schiefertechnologie jede Unterhaltung dominierte. Dementsprechend war die Anwesenheitsrate enorm hoch, Gespräche waren positiv und, wie in unserem Bericht dokumentiert, schien jeder Staatsangehörige und Ölprofessionelle anwesend zu sein.

IP-Woche 2020 ist anders gewesen. Im Vorfeld der Veranstaltung klang die Stimmungsmusik schon eher pessimistisch, da es klar wurde, dass das Ausmaß und der Umfang des Entertainments im Vergleich zu den vorherigen Jahren verringert wurde. Traditionell glitzernde Veranstaltungen gehalten von Gesellschaften wie Saudi Aramco und die Staatliche Energiegesellschaft der Republik Aserbaidschan (SOCAR) würden noch weitergehen, aber die Extravaganz des vorherigen Jahres würden sich abmildern und – welch Grauen – die Veranstaltungen würden vorzeitig schließen…(*gähn*)

Widerspiegelte diese Zurückführung der sozialen Aktivität die Herausforderungen in der Ölindustrie und waren sie ein Hinweis darauf, dass der Zweig jetzt in die Richtung einer nüchterneren und seriöseren Phase kommt? Die Veranstaltung bringt sich gewiss in die Kollektivisierung des „oil thinking“ und traditionell wurde sie oft von den Irrungen und Wirrungen gegenüber der Industrie ziemlich verschont. Zurück im Jahr 2015, zum Beispiel, nach dem massiven Preiseinbruch des vorangegangenen Jahres, begann ein IP-Woche-Sprecher (ein kommerzieller Geschäftsführer einer Ölhandelsgesellschaft) seine Präsentation, indem er sagte, dass „nur weil das Produkt viel weniger wert ist, bedeutet es nicht, dass wir noch weniger davon handeln – oder dazu noch weniger Geld verdienen!“ Dieses Jahr war diese Bravour hingegen viel schwieriger zu finden, weil die dickschaligsten Ölmänner (denn sie sind unweigerlich Männer) zunehmend bewusst von den sozialen Drücken gegen ihrer Industrie geworden sind.

Gleich wie in der heutigen Welt vergeht kein Tag ohne eine Art Unterhaltung um den Klimawandel, weswegen das offizielle IP-Woche-Programm für 2020 von demselben Thema dominiert, oder vielleicht noch spezifischer, wie die Ölindustrie in einer Welt überleben (und profitieren?) kann, wo ihr Grunderzeugnis das Kernproblem ist. Unter den 17 offiziellen Konferenzpräsentationen ermöglicht vom Energieinstitut (den Gastgebern der Veranstaltung), fokussierten 12 von ihnen sich auf den Klimawandel und den Übergang auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft. Natürlich wurden Gespräche über das Kohlendioxid und den Klimawandel bei vorherigen Veranstaltungen behandelt, aber Portland würden wetten, dass sie nie in dieser Weise im Vordergrund gestanden haben.

Doch dann und trotz der besten Anstrengungen des Energieinstituts, den Klimawandel ins Herz des Verfahrens zu stecken, musste das Thema hingegen die zweite Geige im Gegenzug zum akuten Problem des COVID-19 spielen. Im Vorfeld der Veranstaltungen boykottierten schon eine Reihe von großen Ölgesellschaften wie BP, Exxon-Mobil, Repsol und Chevron die Veranstaltung aus diesem Grund, dass man Angst vor der Ausbreitung / Infizierung des Coronavirus hatte. Kleinere Hauptakteure wie VOPAK und Bureau Veritas taten dasselbe, während Gesellschaften wie Shell, PetroChina und RWE ihrem Personal die Teilnahme erlaubten, obwohl sie ihre eigenen sozialen Empfänge abgesagt haben.

Was die Abwesenden vermissten war eine große Menge von Gesprächen um die kurz- und langfristige Wirkung des Virus auf die Rohölpreise und nämlich, wie es den chinesischen Verbrauch betrifft. Der Zugang zu akkuraten Zahlen ist in diesem Feld schwierig, so ist die Flüssigkeit der Lage und natürlich der Datenerfassung in China (einige Konferenzsprecher hatten ihre Präsentationen offenbar aus dem Stand heraus aktualisiert). Das entstehende Bild stellte einen zwanzigprozentigen Rückgang der Ölverkäufe im Februar gegenüber Januar (und sogar einen sechzigprozentigen Rückgang, spezifisch für das Kerosin). Insgesamt ist die gesamte Ölnachfrage in Februar um eine Menge von ca. 2 Millionen Fass pro Tag reduziert worden, was 2% der internationalen Nachfrage entspricht. Es ist kein Wunder, dass die Preise während der Woche wie ein Stein sanken.

Dies alles prägte eine absonderliche Stimmung in diesem Jahr bei der IP-Woche, die die wachsende Existenzkrise der Ölindustrie, mit dem zunehmend apokalyptischen Coronavirus kombinierte. Gewiss schien es, als ob die hedonistische Spürung der letzten Jahren einer anderen Ära angehörte, obwohl viel des Plauderns spät in der Nacht (und seien Sie versichert, dass einige soziale Veranstaltungen noch gehalten wurden!) darum ging, wie die Abwesenheit der großen Ölgesellschaften allzu pathetisch und übertrieben war. Wenn man es aber überlegt, war das eventuell zu hart. Vielleicht war ihr Personal zurück im Büro und versuchte damit zu begreifen, wie man mit einem enormen kurzfristigen Rückgang chinesischer Nachfrage rechnet, kombiniert mit der langfristigen und fast unmöglichen Aufgabe, zu sichern, dass „Big Oil“ genauso wohlhabend in der Zukunft wie auch in der Vergangenheit sein wird.