Ölmarktbericht 06/2019

Wir sind jetzt auf dem halben Weg durch das Jahr 2019, also genau der richtige Zeitpunkt um einen Blick auf die Entwicklung der Ölmärkte seit Anfang des Jahres zu werfen. Nach einem massiven Crash im vierten Quartal 2018 (ein Fall von $30 pro Barrel), waren wir uns im Januar (lt. report; https://portland-fuel.de/oelmarktberichte/2019/01/22/1306/ )  ziemlich sicher, dass die Preise wahrscheinlich nicht weiter fallen würden. Tatsächlich stabilisierten sich die Preise im neuen Jahr nicht nur, sondern sie erholten sich, und Brent Rohöl stieg am Ende des ersten Quartals (31. März) von $53 auf $68. Die Gründe für diese rasche Korrektur nach oben waren ziemlich einfach zu erklären. Der anhaltend wachsende Bedarf aus Indien und dem Fernen Osten, schaffte zusammen mit 2 weiteren Schlüsselfaktoren auf der Lieferantenseite, die fortdauernde Disziplin der OPEC bei der Einhaltung der Produktionseinschnitte und Venezuelas verschlechterte Wirtschaftssituation, eine optimistische Stimmung (Preise steigen).

In der Vergangenheit wurden die OPEC Produktionseinschnitte nur schlecht eingehalten, mit öffentlichen Erklärungen (wir werden die Produktion jetzt kürzen), die die Wirklichkeit nicht wiedergespiegelten („nun lasst uns die Produktion maximieren und das Beste aus den steigenden Preisen machen“). Aber diesmal war OPECS Zurückhaltung beeindruckend und fast alle Kartellmitglieder hielten sich an die ihnen zugeteilten Quoten. Hinsichtlich Venezuela sind die Produktionsprobleme einfach katastrophal. Der südamerikanische Ölgigant ist in der Welt, der am längsten etablierte Ölproduzent, besitzt 20% der ausgewiesenen Ölreserven und ist Mitglied der OPEC. Doch obwohl Venezuela eine Produktionsquote von 2 Mill bpd hat, ist die Wirtschaft in einer so verzweifelten Lage (und mit ihr, die Ölindustrie), dass die Volumen dieses Jahr auf unter 400.000 bpd fielen. Regelmäßige Stromausfälle führen dazu, dass die Produktionswerke täglich heruntergefahren werden, während die Raffinerien untätig auf Reparaturen und neue Teile warten, die nicht mehr bezahlbar sind. Warenembargos verhindern den Fluss von Exporten, während die Schiffe, die die Erlaubnis haben, mit Venezuela Handel zu treiben, nicht vollgeladen werden können, weil verlandete Anlegestege seit Monaten nicht mehr ausgebaggert wurden.

Dies waren also die klaren Dynamiken, die eine Preiserholung im ersten Quartal unvermeidbar machten. Diese optimistischen Einflüsse wurden aber durch die kontinuierliche Wiederkehr des amerikanischen Schieferöles und der Gefahr eines US-chinesischen Handelskrieges, als der Preis die $65 Marke erreichte, unter Kontrolle gehalten. Die amerikanische Schiefölproduktion ist ohne Frage während der letzten 12 Monate angestiegen und die meisten Beobachter werden sich daran erinnern, dass die Überproduktion dieser Branche den immensen Preiscrash im Jahr 2014 verursachte. Aber wie wir in unserem Bericht im Januar bereits betonten, sind viele Schieferölproduzenten weiterhin schwer verschuldet und kämpfen mit den Operationskosten, und dies schränkt das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Produktionswachstums ein.
Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit auf den „Stopp-Start“ Handelskrieg zwischen der USA und China, der die Ölmärkte deutlich verunsichert hat, weil jeder Rückgang im Welthandel unausweichlich den Ölverbrauch reduzieren würde. Aber eine intelligente Ansage hinsichtlich dieses Themas zu machen, bleibt weiterhin schwierig, weil so viel von den individuellen (und oft sprunghaften) Aktionen des amerikanischen Präsidenten Trump abhängt. Wahrscheinlich ist die sicherste Schlussfolgerung, dass weder die USA noch China wirklich eine ausgewachsene Handelskatastrophe wollen und darum wird, wenn die symbolischen Strafzölle in den Flaggschiffindustrien platziert (und wieder unplatziert) sind, alles wieder seinen gewohnten Gang für die Mehrheit, der „unter dem Radar“ liegenden, Industrien gehen und wir sollten einen steigenden Ölbedarf beobachten können.

Wenn der Handelskrieg als ein Reinfall endet, würde es nur noch wenige Faktoren geben, die die Preise nach unten treiben, während andererseits ein massiver Preistreiber seinen hässlichen Kopf im Hintergrund zeigt. Nur wenige Zeitungsartikel scheinen sich mit dem potentiell drohenden Konflikt zwischen dem Iran und der USA zu beschäftigen (so groß ist unsere Brexitbesessenheit), aber jede Auseinandersetzung zwischen diesen zwei Ländern hätte erdbebenartige Auswirkungen auf die Ölpreise. Zunächst einmal ist jede Unterbrechung des iranischen Ölflusses (4 Mill bpd) allein ein bedeutender Lieferfaktor, aber noch bedeutender ist die enge Schifffahrtsstraße von Hormus.

Durch diesen Schifffahrtskanal, der an der Mündung des Persischen Golfes liegt, wird ein Fünftel des gesamten weltweiten Ölverbrauches transportiert, ohne auch nur die 30% des weltweiten Flüssiggases zu erwähnen. An seiner engsten Stelle hat er nur 2 Meilen Navigationsbreite für 30+ Frachtschiffe, die ihn täglich passieren (und von denen einige länger als 400m sind). Jede Unterbrechung dieses Handelsflusses, zum Beispiel als Ergebnis einer Blockade, würde die Preise in den Himmel schießen lassen. Schifffahrts- und Versicherungsmärkte haben bereits auf diese erhöhten Risiken reagiert, und Ölcargos im Persischen Golf zu versichern kosten mehr als $500.000, das entspricht einem Faktoranstieg von 10 seit Anfang des Jahres. Es ist nahezu unmöglich, Vermutungen über potentielle Auswirkungen auf den Ölpreis anzustellen, aber im Jahre 2011 führten zivile Unruhen in Libyen dazu, das 2 Mill bpd vom Markt genommen wurden und das Ergebnis war ein Ölpreisanstieg von, schon im Vorfeld überhöhten, $90 pro Barrel auf unsagbare $ 126. Ziehen Sie nun Ihre eigenen Schlüsse, was ein Abzug von 20 Mill. bpd vom Weltmarkt bedeuten würde…

Wieder einmal taumeln die Märkte am Rande eines bedeutenden Preissprunges. Im Moment gibt es ein ausreichendes Gleichgewicht zwischen einer Baisse (Handelskrieg) und einer Hausse-Stimmung (ein echter Krieg). Aber während die Wahrscheinlichkeit, dass die erste Variante verschwindet und die zweite rasch voranschreitet, zunimmt und bis sich die Spannungen im Mittleren Osten gelegt haben, bleibt eine zu Tränen rührende Preiseskalation eine deutliche Möglichkeit.