Ölmarktbericht 10/2017

Diesen Monat hatte Portland das Glück, dank der Assoziation der Tankstellenshops, auf eine Studienfahrt zu gehen um 4 State of the Art Tankstellen zu sehen. Alle wurden unabhängig und privat geführt (DO/DO Tankstellen, d.h. Dealer Owned / Dealer Operated), anstatt im Besitz der Ölfirmen zu sein (CO/CO Tankstelle = Company Owned / Company Operated). Dieser Unterschied ist für den Verbraucher nicht ersichtlich, da beide Tankstellenformen den gleichen Markennamen (BP, Shell, Esso, etc.) tragen, aber Ölfirmen liefern zunehmend nur noch den Brennstoff und den Markennamen und überlassen es den selbstständigen Unternehmern, wie sie die Tankstelle führen wollen.

Dieses Franchisemodel, obwohl es schon immer existiert hat, zeigt klar eine deutliche Geschäftsverlagerung, in der die Ölgiganten im Einzelhandelsvertriebsnetz in den Hintergrund treten. Nur 14% aller Tankstellen in Großbritannien sind tatsächlich in CO/CO Besitz, während 66% in DO/DO Besitz sind (die verbleibenden 20% gehören Supermärkten). Die Marke bleibt weiterhin für DO/DO Tankstellen von entscheidender Bedeutung, aber das tägliche Geschäft ist mehr als je zuvor in den Händen der unabhängigen Händler. Dieser Rückzug der Ölgiganten vom Tankstellengeschäft ist in einer Ansammlung zahlreicher Faktoren in den letzten 20 Jahren begründet, u.a. durch eine Besessenheit mit allen Upstream-Faktoren (Rohölförderung) und einer Verlagerung dazu als Großhändler zu agieren, anstatt direkt an den Endverbraucher zu verkaufen. Es könnte aber natürlich auch einfach nur möglich sein, dass die Ölgiganten gelernt haben, dass die unabhängigen Einzelhändler einfach besser sind, wenn es um den Vertrieb und das Detail geht.

Im Jahr 2017 in einen Flagship-Store zu gehen, bedeutet in eine Edelkaufhauseinkaufserfahrung transportiert zu werden, die so weit wie nur möglich vom ursprünglichen Tankstellenkiosk mit Schokolade und Zigaretten entfernt ist. Heutzutage ist es wahrscheinlich, dass man heimische und nachhaltige produzierte Produkte, eine beeindruckende Auswahl and Weinen und sogar frisches Obst und Gemüse findet, wenn man einen Tankstellenshop betritt. Tatsächlich war es ein Zeichen absoluter ehelicher Faulheit, wenn man früher einen Blumenstrauß von einer Tankstelle kaufte. Kauft man hier heute Blumen, ist es gut möglich, dass man eine Floristin antrifft, die mit Ratschlägen zu Hand ist ob man die Amaryllis Belladonna am besten mit einer Flamingo Antuhrium oder einer Engelsflügelbegonie arrangiert (und ja, wir mussten nachschlagen was das ist…)

Unabhängige Einzelhändler – oder zumindest jene am oberen Ende des Marktes – sind clever geworden und haben begriffen, dass die Chancen gegen sie sind, wenn es darum geht Benzin zu verkaufen. Die Margen werden immer kleiner und die Möglichkeiten für Upsell sind minimal. Außerdem ist das Brennstoffspiel, in seiner gesamten Komplexität, mit seinen undurchsichtigen Preisdynamiken und technischen Facetten besser für die Spreadsheet- Fachidioten in den Zentralen der Ölgiganten geeignet, als für kundenorientierte Einzelhändler. Aber diese schlauen Einzelhändler sind jetzt führend in der Industrie und stellen sicher, dass Benzin nicht mehr das wichtigste Produkt an ihren Tankstellen ist. Im Jahr 2016 waren nur 18% aller Transaktionen von selbstständigen Tankstellen reine Benzineinkäufe, die Mehrheit waren Benzin plus Einkäufe (d.h. Benzin plus Shop Produkte). Jedoch ist die beeindruckendste Tatsache, dass circa 25% aller Transaktionen jetzt „keinen Benzinkauf“ mehr beinhalten, was wirklich zeigt, dass Tankstellen jetzt besser Shops, die auch Benzin verkaufen, genannt werden sollten.

Dieses Jahr werden die “nicht Benzin” Verkäufe an den Tankstellen über £4 Milliarden erreichen und darum wurden in den letzten 12 Monaten von den unabhängigen Tankstellen Investitionen in einer Höhe von mehr als £70 Millionen getätigt. Dies ist in allen Umständen ein ansehnlicher Betrag, aber die Kostenverteilung ist besonders interessant: 25% für Kühlsysteme, 20% für Regale, jeweils 15% für die Gestaltung der Innenräume und die Beschilderung und 5% für Tiefkühlraum. Damit verbleiben, plus-minus, 20% für das gute alte Benzin! Dies bedeutet nicht, dass die laufenden Kosten für die Brennstoffanlagen (Instandhaltung, etc.) nicht weiterhin hoch sind, aber es sind die Kapitalanlagen, die in die Zukunft weisen und es ist klar, wo die unabhängigen Einzelhändler diese Zukunft sehen.

Dieses, ins Abseits drängen des Benzins durch den unabhängigen Sektor, ist die zweite große Verschiebung im Benzineinzelhandel. Wenn man mit den alten Einzelhändlern spricht, die ihr Geschäft in den 80zigern und 90ziger Jahren gelernt haben, drehte sich alles um Super bleifrei, Cent pro Liter Margen und Zugang zu Benzintankern. Aber die heutigen Besitzer interessieren sich mehr für ihre Kühlschrankauslagen und ob sie genug Bier anbieten, statt sich Gedanken um den Brennstoffmarkt zu machen. Dies ist vielleicht auch gar nicht so schlecht, denn die nächste große Herausforderung für den Brennstoffeinzelhandel, ist die Frage, wie sie den Bedarf der elektrischen Zukunft decken können. Von den über 8.400 Tankstellen in Großbritannien, haben nur 225 elektrische Aufladepunkte und die Mehrheit davon, befindet sich auf den Tankstellen der Ölgiganten (CO/CO Tankstellen). Auf Grundlage dieser Zahlen, könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, dass die DO/DO schiefliegen. Aber indem sie Zeit und Geld dafür ausgeben, ihre Tankstellen attraktiv zu machen, gestalten die unabhängigen Händler ihre Geschäfte vielleicht zukunftssicher. Denn in der nicht so fernen Zukunft, werden Autofahrer, deren Batterien ausgelaufen sind, mindestens 30 Minuten Zeit haben bis diese wieder aufgeladen sind, und was könnte besser sein, als den wöchentlichen Einkauf mit dem Aufladen beim örtlichen (Tank) Aufladeshop zu verbinden.